Tschüss, Toni

Abschied von einem Hamster. Oder: Wie meine Kinder und ich das Trauern lernten

Erschienen in DIE ZEIT, September 2024

Unser Hamster ist gestorben.

Ich hatte nicht erwartet, dass mich das so berührt.

Wir stehen in unserem kleinen Garten, um ihn zu beerdigen. Meine Frau, unsere drei Kinder und ich, zwischen all den blühenden Hortensien. Am Zaun zu den Nachbarn haben die Kinder ein Grab ausgehoben. Sie haben die Kerzen genommen, die eigentlich für ein Essen mit Freunden gedacht waren, und einen Grabstein vorbereitet. Ein flacher, runder Stein, den wir aus einem Ostseeurlaub mitgebracht haben. Sie haben ihn mit dem weißen Edding aus ihrer Stiftekiste beschrieben.

»Du warst der beste Hamster der Welt«, steht darauf.

Meine Frau schlägt vor, dass wir ein Gebet sprechen, und unsere drei Kinder sagen das Vaterunser auf, wie sie es im Religionsunterricht gelernt haben. Ich bin weder getauft noch konfirmiert, ich kann den Text nicht fehlerfrei, er tröstet mich auch nicht. Aber ich bin dankbar, dass es ein Ritual gibt, an das man sich halten kann. Unser kleiner Sohn steht da wie jemand, der von einem Kometen getroffen wurde.

Er ist acht Jahre alt und umfasst den Pappkarton, in dem sein toter Hamster liegt. Er nannte ihn Toni oder auch Tobias, wenn er so tat, als würde er streng mit ihm sprechen. Es war sein bester Freund. Wenn er morgens aufstand, führte sein erster Weg zum Stall. Er nahm Toni überallhin mit, zum Legobauen, zum Vorlesen, zum Zähneputzen. Ich habe nie gesehen, dass jemand eine innigere Verbindung zu einem Tier aufgebaut hätte. Sie waren unzertrennlich. Als wir vor nicht einmal zwei Stunden mit dem Hamster beim Tierarzt waren, sollte das nur eine Routineuntersuchung sein.

»Tschüss, Toni«, sagt mein Sohn und weint.

Er legt den Pappkarton ins Grab, und seine Geschwister helfen ihm, es zuzuschütten. Ich höre, wie die Erde auf den kleinen Sarg fällt. Dieses Geräusch, das in das Gedächtnis eines Menschen eingeht wie kaum ein zweites. Auf einmal bin ich nicht mehr fünfzig, sondern fünfzehn Jahre alt und stehe am Grab meines Vaters. Ich spüre die Taubheit, die einem die Sinne nimmt. Dieses Würgen, das durch den Körper geht. Als steckte einem eine Bowlingkugel im Hals, die man nicht herausbringt, aber auch nicht herunterschlucken kann – dann lässt es nach, du siehst dich um in der Welt, und sie ist dir vollkommen fremd.

»Gerade hat er noch gelebt«, sagt unser Sohn.

Dann überkommt es ihn, und der Schmerz presst ein tiefes Schluchzen aus ihm heraus.

»Ich weiß«, sage ich, als ich ihn in den Arm nehme. »Ich weiß.«

Da bemühst du dich, deinen Kindern eine sorgenfreie Kindheit zu bereiten und sie vor allem zu bewahren, das schwer und schmerzhaft ist – und dann kaufst du ihnen ein Haustier, das eine Lebenserwartung von zwei Jahren hat.

Wie konnte ich das übersehen?

Ich bin nicht gut mit dem Tod, ich bin auch nicht gut im Trösten. Als mein Vater starb, haben meine Mutter, mein Bruder und ich versucht, damit zurechtzukommen, indem wir nicht darüber sprachen. Vielleicht dachte meine Mutter, den Tod nicht anzusprechen, mache es uns Kindern irgendwie leichter. Vielleicht hoffte sie, dass dann für uns alles normal weiterlaufen könne, so als wäre nichts geschehen. Anfangs war ich froh darum. Das Schweigen half mir, nicht um meinen Vater trauern zu müssen. Wer trauert, lässt den anderen irgendwann gehen, er akzeptiert. Das wollte ich nicht. Ich konnte nicht zulassen, dass sich mein Vater Schritt für Schritt in die Erinnerung entfernt. Der Schmerz war meine einzige Verbindung zu ihm, er durfte nicht kleiner werden. Gleichzeitig wollte ich ein starker junger Mann sein, dem niemand ansehen sollte, wie schwer ihm das an manchen Tagen fiel. Ich lief wie auf doppeltem Boden durchs Leben. Ein Lied, ein Foto, eine Bemerkung über irgendeinen Abschied konnte genügen – und ich brach ein und stürzte in eine Welt, in der nichts vergangen, sondern alles gerade erst geschehen war.

Das ist natürlich nichts, was man sich für seine Kinder wünscht.

Unsere drei jüngsten Kinder sind jetzt acht, zehn und zwölf Jahre alt. Irgendwann kam jedes von ihnen mit der Frage nach dem Tod. Sie hatten tagsüber etwas im Kindergarten gehört, die Oma von jemandem war gestorben, ein Vogel war gegen eine Fensterscheibe geflogen und nicht wieder aufgewacht. Nun wollten sie beim Zubettgehen wissen, wie lange wir, ihre Eltern, noch leben, ihre Großeltern, sie selbst und was mit einem passiert, wenn man tot ist. Sie versuchten abzuschätzen, womit sie es zu tun hatten.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Mein Vater war in der Partei, meine Mutter hat Chemie studiert. Christen waren für uns Leute, die einen Gott brauchten, um mit dem Leben klarzukommen. Wäre meine Frau nicht gewesen, die aus dem Westen kommt und mit Kindergottesdienst groß geworden ist, hätte ich unseren Kindern antworten müssen, was meine Mutter letztens sagte, als es darum ging, was von einem bleibt, wenn man geht.

»Es sind alles nur ein paar Atome«, sagte sie.

Wir sprachen darüber, ob wir nach dreißig Jahren das Grab meines Vaters auflösen sollen. Er ist auf dem Friedhof begraben, direkt oberhalb des Bauernhofes, auf dem meine Mutter noch immer lebt. Doch wenn ich in den vergangenen Jahren mit meiner Frau und unseren Kindern zu ihr zu Besuch kam, bin ich nur selten zu seinem Grab gegangen. Ich wusste nicht, was ich dort sollte. Ich spüre ohnehin nie seine Gegenwart, nur den Schmerz, nicht die Fülle. Keine Ahnung, warum. Trotzdem war ich dagegen, dass das Grab eingeebnet wird, weil das bedeutet hätte, dass die Trauer abgeschlossen, dass er nur noch eine Erinnerung ist.

»Du bist doch inzwischen ein erwachsener Mann«, sagte meine Mutter.

»Aber braucht man nicht einen Ort, an dem man Zwiesprache hält mit denen, die man verloren hat und vermisst?«, fragte meine Frau.

»Ach, na ja«, sagte meine Mutter.

Wenn sie einmal schwer krank werden sollte, erklärte sie uns jetzt, wo wir abends mit ihr auf dem Sofa saßen, dann werde sie zum Sterben in die Schweiz fahren. Sie wolle sich einäschern lassen. Einen Grabstein brauche sie auch nicht. Für so bedeutend halte sie sich nicht. Ich dachte, sie mache einen Witz, aber sie meinte es ernst. Es klang wie eine Auslöschungsfantasie. So würde ich sie niemals gehen lassen.

Was ist das für eine Haltung zum Leben?

Ich habe in den vergangenen Jahren an zwei Sachbüchern mitgearbeitet, die davon handeln, wie die Menschheit den Planeten zerstört. Ich habe dafür unzählige Studien, Bücher und Fachartikel gelesen, um zu beschreiben, welche Folgen unsere Art zu leben für die einzelnen Ökosysteme hat, für die Korallenriffe, die Regenwälder, die Tundra mit den Dauerfrostböden, die Wüsten, Steppen, Gletscher und Eisschilde und damit für uns. Ich grub mich tief ins Material, um alles genauer und noch genauer zu verstehen, stattdessen bekam ich irgendwann ein Gefühl dafür, dass alles miteinander verbunden ist. Es ist, obwohl es sich in Millionen verschiedener Formen zeigte, immer ein und dasselbe pulsierende Leben.

Ich bin heute der Meinung, dass selbst in der kleinsten Zelle etwas steckt, das sich wahrnehmen will. Das erfahren will, wie es ist, genau dieses Tier, diese Pflanze, dieser Mensch zu sein. Man kann das Bewusstsein nennen oder Gott oder kosmische Intelligenz – oder man benennt es gar nicht. Ich stelle es mir als etwas vor, das vor Neugier brennt und es kaum erwarten kann, die nächste Erfahrung zu machen, die nächste und die nächste, um diese einmalige Möglichkeit ganz und gar auszuschöpfen – zu leben, mit allem, was drin ist.

Ist es nicht genau das, was unser kleiner Sohn mit Toni erlebt hatte?

Nur ein paar Tage nachdem wir ihm den Hamster gekauft hatten, konnte er ihn bereits aus der Hand füttern. Noch ein paar Tage später ließ Toni sich aus dem Stall nehmen und herumtragen. Von da an waren die beiden unzertrennlich. Wenn unser Sohn am Tisch saß und aß, leckte der Hamster seinen Teller aus. Spielte er mit Playmobil, kletterte der Hamster in einem der Häuser herum oder schaute aus einem der Autos heraus. Legte sich unser Sohn abends zum Vorlesen hin, versuchte er, den Hamster ins Bett zu schmuggeln. Einmal schaffte er es sogar, dass er in seiner Armbeuge einschlief. Niemand aus der Familie setzte sich jetzt noch aufs Sofa, ohne sich vorher zu erkundigen, ob der Hamster zwischen den Kissen steckte.

»Wo ist Toni?«, war der vielleicht häufigste Satz in dieser Zeit.

Wenn wir Besuch bekamen, wartete unser Sohn mit dem Hamster an der Tür, um ihn den Gästen zu zeigen. Sie hatten noch nicht die Jacken abgelegt, da gab er ihnen Toni schon in die Hand. Ob sie Tiere mochten oder nicht, in jedem von ihnen brachte der kleine Kerl Rührung hervor. Wir haben auf unserem Handy unzählige Fotos von Toni, die unser Sohn an Verwandte und Freunde geschickt hat. Oft hat er sie bearbeitet, sodass der Hamster darauf Sonnenbrille trägt, eine Pistole in der Hand hat oder Herzchen über ihm schweben. Nie konnte er sich einkriegen vor Freude, wenn er Toni in die Hand nahm und versuchte seine Nase an Tonis Nase zu reiben und der Hamster ihn dann mit seiner Vorderpfote abwehrte wie jemand, der im Moment bitte lieber nicht gekuschelt werden möchte. Diese Süße, diese unfassbare Süße.

»Du weißt schon, dass dieser Hamster ewig leben muss«, sagte meine Frau.

»Ich weiß«, antwortete ich, »ich weiß.«

Als wir mit Toni zum ersten Mal zum Tierarzt gingen, hatte er sich bei irgendeiner Aktion einen Zahn abgebrochen. Eine Entzündung war entstanden, die wir mit Antibiotika behandeln sollten. Dazu nahm unser Sohn den Hamster in die Hand, und ich träufelte ihm die Medizin, die ich in einer Spritze aufgezogen hatte, in die Schnauze. Eine Zeit lang durfte er nur Brei essen, und natürlich kochte ihm meine Frau welchen. Sein Zustand besserte sich, und wir fuhren beruhigt in den Urlaub, während sich unsere erwachsene Tochter um ihn kümmerte.

Nach ein paar Tagen schickte sie uns eine Nachricht, dass Toni jetzt manchmal orientierungslos durch den Käfig stolpere. Er sei auch von der Leiter gefallen.

»Er sieht irgendwie nicht gut aus«, schrieb sie.

Zurück aus dem Urlaub packte ich den Hamster ein und fuhr zum Tierarzt, mein Sohn saß mit ihm auf der Rückbank, als er plötzlich zu schreien anfing. Auf der Hand, mit der er Toni aus der Tragebox genommen hatte, war Blut, Tonis Blut. Wir taumelten in die Praxis, und als die Ärztin dem Hamster dort sanft auf den Bauch drückte, schoss Blut aus seinem Po. Offenbar war in ihm ein Geschwür gewachsen, das sich geöffnet hatte.

»Wir könnten operieren, aber das müssten Sie sofort entscheiden«, sagte die Ärztin. »Er wird sonst die nächsten Stunden nicht überleben.«

Mein Sohn fing an zu weinen. Er wollte nicht, dass Toni operiert wird. Ob es daran lag, dass der Hamster nicht leiden oder ich nicht so viel Geld ausgeben sollte, habe ich ihn nicht gefragt. Es gab ohnehin keine Wahl. Eine Operation kostete fünfhundert Euro. Damit war es entschieden. Die Ärztin gab meinem Sohn noch ein paar Minuten, um sich von seinem Tier zu verabschieden. Wortlos streichelte er sein Fell, während Toni wie immer auf seine Hand kroch, nicht wissend, dass er gleich sterben würde.

»Tschüss, Toni«, sagte mein Sohn.

Als wir zwei Wochen zuvor beim Tierarzt gewesen waren, hatten wir im Warteraum eine Frau gesehen, deren Katze gestorben war und die nicht aufhören konnte zu weinen. Mein Sohn hatte sie wie jemanden betrachtet, dem etwas zugestoßen war, das ihn zu einer anderen Sorte Mensch gemacht hatte. Jetzt gehörte er auch zu dieser Gruppe.

Wir ließen Toni im Behandlungsraum zurück und gingen zum Auto, wo ich meinen Sohn anschnallte, bevor ich in die Praxis zurückkehrte, um den Hamster zu holen. Er lag jetzt in einem kleinen, weißen Pappkarton, den die Sprechstundenhilfe mit buntem Klebeband verziert und mit einer Mullbinde ausgelegt hatte. Ich bedankte mich, und als ich ihn beim Hinausgehen ein letztes Mal berühren wollte, stellte ich erschrocken fest, dass seine Augen noch offen standen. Ich versuchte, sie zu schließen, weil ich wollte, dass es aussah, als würde er schlafen, aber es klappte nicht. Auf dem Weg nach Hause behielt mein Sohn den Karton die ganze Zeit auf dem Schoß und streichelte über den toten Körper, während er seine Geschwister anrief.

Oft kam er nicht weiter als bis zu: »Toni ist tot.«

»Er hatte ein schönes Leben bei dir«, sagte sein großer Bruder, der Anfang zwanzig ist und nicht mehr zu Hause wohnt. »Jetzt macht ihr ihm eine schöne Beerdigung.«

Und das taten wir.

Als meine Frau und ich mit unserem Sohn danach zum Zähneputzen gehen, fragt er, ob Toni irgendwann wiedergeboren wird, und wenn, ob als Hamster oder vielleicht sogar als Mensch. Ich bin mir nicht sicher, was ich antworten soll. Die Vorstellung, dass sich das Leben in verschiedenen Formen erfahren will, kommt mir auf einmal zu abstrakt vor, um damit ein trauerndes Kind zu trösten. Meine Frau dagegen sagt, sie könne sich gut vorstellen, dass Toni als Hamster wiedergeboren werde. Für einen Moment scheint unseren Sohn diese Idee glücklich zu machen. Bis ihm aufgeht, dass sein Hamster dann bei einem anderen Kind leben, mit ihm spielen und sich nicht mehr an ihn erinnern wird. Erst jetzt versteht er, dass Toni wirklich weg ist.

»Warum ist die Welt so schwer?«, sagt er und fällt meiner Frau um den Hals.

Als ich ihn kurz darauf ins Bett bringen will, kann ich ihn nirgends in der Wohnung finden. Ich suche alle Räume ab, er ist nicht da. Dann sehe ich ihn im Garten im Dämmerlicht. Er hat eine Schaufel in der Hand und ist dabei, Toni wieder auszugraben.

»Ich wollte ihn nur noch mal sehen«, sagt er.

»Ich weiß«, sage ich.

Ich habe mir jahrelang gewünscht, meinen Vater nur einmal noch umarmen zu können. Einen Abschied zu haben, der mich weitergehen lässt. Ich nehme meinem Sohn die Schaufel aus der Hand, hebe ihn hoch und halte ihn ganz fest. Was für ein Wunder, am Leben zu sein und nicht etwa ein Stein irgendwo im Universum. So stehen wir im Garten, während die Welt sich ein Stück weiterdreht. Dann gehen wir hinein zu den anderen.