Wird schon gut gehen, oder?
Warum Vertrauen gerade in einer Zeit so wichtig ist, in der alles auf Wissen und Kontrolle beruht.
Erschienen in Die ZEIT, Mai 2020
Der 7. August 1974 beginnt in Manhattan neblig und keineswegs windstill, als sich kurz nach sieben Uhr morgens am Fuß des World Trade Centers eine kleine, aber schnell wachsende Menschenmenge bildet. Passanten, gerade noch auf dem Weg zur Arbeit, bleiben plötzlich stehen und sehen, den Kopf in den Nacken gelegt, nach oben. Dorthin, wo sich die Spitzen der beiden schlanken Türme in den Wolken verlieren – und wo an diesem Morgen ein Mann auf einem Seil balanciert.
„Sehen Sie, sehen Sie da!“, ruft eine junge Frau aus der Menge und zeigt hinauf. „Ein Seiltänzer! Er läuft! Er läuft!“
Der Mann, ganz in Schwarz gekleidet, hält eine Stange in den Händen und bewegt sich zwischen den Türmen hin und her. Immer wieder überquert er die sechzig Meter, die es von einer Seite zur anderen sind, wendet, läuft zurück, kniet nieder, und legt sich, die Stange über der Brust, irgendwann sogar auf das Seil. Scheinbar schwerelos, mitten im Nichts. Ohne Netz, ohne Sicherung und doch gehalten. Eine Dreiviertelstunde. Bis ihn Polizisten schließlich vom Dach holen.
Wer ist dieser Mann? Ist er verrückt?
Der Mann heißt Philippe Petit, ist Franzose, 24 Jahre alt und keineswegs verrückt. Seitdem er als Jugendlicher in einer Zeitschrift die Skizze zweier riesiger, eng nebeneinander stehender Türme sah, die in New York gebaut werden sollen, hat er den Traum, zwischen ihnen zu laufen. Er hat sein Können an den Kirchtürmen von Notre Dame und an der Sydney Harbour Bridge geschult. Er hat das World Trade Center über Wochen ausgekundschaftet, sich als Journalist ausgegeben, den Bauleiter interviewt, Fotos vom Dach gemacht. Hat mit einem gefälschten Hausausweis am Tag zuvor den Südturm betreten, während sich seine Freunde im Nordturm verstecken. In der Nacht schießen sie mit Pfeil und Bogen eine Angelschnur zu ihm hinüber, an die sie immer dickere Schnüre knoten und schließlich das Drahtseil. Als es Morgen wird, führt über den vierhundert Meter tiefen Abgrund ein Weg, kaum mehr als einen Finger breit.
„Jetzt musste ich mich nur noch entscheiden, ob ich das Gewicht von meinem Fuß, der auf dem Gebäude stand, auf den Fuß verlagere, der auf dem Seil stand“, sagt Philippe Petit später in dem Dokumentarfilm Man on Wire über den Moment, als er losging.
Er weiß, dass er abstürzen kann, und es ist ihm nicht egal. Alle Risiken, die er durch Wissen und Planung, Können und Erfahrung ausschließen konnte, hat er zielstrebig und mit Umsicht ausgeschlossen, damit sein Gang über das Seil gelingt. Was aber bleibt, was immer bleibt, für ihn wie für jeden Menschen auch, ist jener letzte, aber entscheidende Rest Ungewissheit, der sich niemals ganz auflösen lässt.
Wie wird es ausgehen?
Phillipe Petit weiß es nicht. Er vertraut.
Aber natürlich sind wir nicht Philippe Petit. Wir bringen uns nicht absichtlich in eine Situation, in der eine einzige Windböe unser Leben beenden kann. Wir halten es zu Recht für einen Fortschritt, das auch nicht zu müssen. Unser Alltag hat nichts von einem Gang auf dünnem Seil, im Gegenteil. Wir haben ihn so eingerichtet, dass er einer Fahrt auf einer breiten, gut gepflasterten Straße gleicht, mit Sicherheitsgurt und Airbags, Navigationssystem und Satelliten im All, mit Leitplanken und Verkehrsregeln und einer Polizei, die über deren Einhaltung wacht. Wir haben die Technik, wir haben den Wohlstand, Gesetze und Institutionen. Wir haben die Wissenschaft. Wir haben die Kontrolle. Unsere ganze moderne Zivilisation wirkt wie ein Versuch zur Abschaffung der Ungewissheit.
Wozu brauchen wir noch Vertrauen?
Seitdem ein Virus innerhalb von nur drei Monaten die Welt außer Kraft gesetzt hat, sind wir in einem Maß auf Vertrauen angewiesen, wie wir das nicht kannten. Wir müssen Virologen vertrauen, von denen wir bis vor Kurzem nie etwas gehört haben, deren Einschätzungen jetzt aber unseren Alltag bestimmen. Wir müssen Politikern vertrauen, die noch nie zuvor so direkt und konkret über die persönliche Existenz von so vielen Menschen entscheiden mussten und sich jetzt keinen Fehler erlauben dürfen. Wir müssen unseren Mitmenschen vertrauen, dass sie Abstand halten, auch wenn sie keine Angst davor haben, selbst krank zu werden. Genauso wie sie darauf vertrauen müssen, dass wir, wenn das alles erst vorbei ist, wieder hinausgehen, wieder teilnehmen, wieder investieren, um so unser aller Alltag wiederherzustellen. Wir müssen schließlich darauf vertrauen, dass es überhaupt irgendwann vorbei sein wird.
Das Ungewisse ist von den Rändern unserer Aufmerksamkeit in ihr Zentrum gerückt. Wo eben noch nichts unsicher sein durfte, scheint jetzt auf einmal fast alles unsicher zu sein.
Wozu wir Vertrauen brauchen?
Wie soll es denn ohne gehen?
„Wir bewohnen ein Klima des Vertrauens, so wie wir in der Atmosphäre leben“, schrieb die neuseeländische Philosophin Annette Baier, „wir nehmen es wahr wie die Luft, nämlich erst dann, wenn es knapp wird oder verschmutzt ist.“
Über Vertrauen denken wir nur nach, wenn wir es nicht mehr haben. Wir vertrauen wie selbstverständlich in uns, in andere, in die Welt, ins Leben selbst, doch dann trifft uns eine Erschütterung, wir scheitern im Beruf, eine Ehe zerbricht, ein Arzt stellt eine Diagnose, und erst da fällt uns auf, dass wir offenbar die ganze Zeit vertraut haben und meinen, es nun plötzlich nicht mehr zu können. Die Krise löst den Vertrauensverlust aus, der Vertrauensverlust bestärkt die Krise. Ein Teufelskreis entsteht, aus dem sich nur mit neuem Vertrauen wieder ausbrechen lässt. Doch nur, weil es dringend gebraucht wird, stellt das Vertrauen sich nicht automatisch ein. Es lässt sich nicht anordnen oder befehlen, nicht einmal herbeiwünschen und auch nicht kontrollieren.
Wie konnten Menschen auf etwas, das so flüchtig zu sein scheint, ihr Leben, ihren Alltag, ihre Zivilisation, ja ihre Zukunft aufbauen?
Roman Wittig arbeitet als Verhaltensforscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, wo Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen der Frage nachgehen, wie der Mensch wurde, was er ist. Wie der aufrechte Gang entstand oder die menschliche Hand, kann die Forschung mit Hilfe von Knochenfunden heute ganz gut rekonstruieren. Roman Wittig interessiert sich dafür, wie und warum der Mensch im Lauf der Evolution ein bestimmtes Verhalten entwickelt haben könnte. Das kann er nicht an alten Knochen ablesen.
„Verhalten hinterlässt keine Fossile“, sagt er. „Deshalb beobachten wir unsere nächsten lebenden Verwandten – Schimpansen.“
Roman Wittig leitet ein Forschungsprojekt, das seit mehr als vierzig Jahren das Leben von Schimpansen des Taï-Nationalparks an der Elfenbeinküste dokumentiert. Derzeit sind es hundertfünfzig Tiere in mehreren Gruppen, die das ganz Jahr über von morgens bis abends beobachtet werden. Fellpflege, Paarungen, Nahrungssuche, Rangkämpfe – jede Aktion, jede Interaktion wird vermerkt. Die Gebiete, die die Schimpansen durchstreifen, sind so groß, dass die Wissenschaftler den Gruppen den ganzen Tag durch den Dschungel folgen müssen, bis die Tiere abends ihre Schlafnester bauen – am nächsten Morgen, noch bevor die Schimpansen aufwachen, werden die Wissenschaftler sie unter demselben Baum abpassen, bevor es weitergeht.
„Wir würden sie sonst nur nach langem Suchen wiederfinden“, sagt Roman Wittig.
Schimpansen ernähren sich hauptsächlich von Früchten, Samen und Blättern, sie essen aber auch Fleisch. Die Schimpansen des Taï-Nationalparks beispielsweise machen Jagd auf Stummelaffen, kleine, flinke Tiere, die sich so gut wie nie am Boden aufhalten und leicht über die Baumkronen entkommen. Um sie zu fangen, bilden die Schimpansen ein Team, in dem jeder eine feste Rolle hat. Es gibt den Treiber, die Blocker und den Greifer. Der Treiber klettert auf den Baum und schreckt die Stummelaffen auf, während sich die Blocker auf Bäumen rechts und links in Fluchtrichtung postieren. So entsteht ein Tunnel, an dessen Ende der Greifer wartet. Noch bevor die Stummelaffen erkennen, was geschieht, sitzen sie in der Falle. Eine solche Jagdtechnik wurde bei Schimpansen bisher nur im Taï-Nationalpark beobachtet.
Was das mit Vertrauen zu tun hat?
„Eine ganze Menge“, sagt Roman Wittig.
Diese Art zu jagen wird nur erfolgreich sein, wenn sich jeder Schimpanse an seine Rolle hält, und das wiederum wird er nur, solange er darauf vertrauen kann, dass er, wenn die Beute am Ende aufgeteilt wird, seinen Anteil erhält. Die fast schon unheimliche Effizienz dieser Art zu jagen erklärt sich aus der Arbeitsteilung und der Koordination, mit der die Schimpansen vorgehen. Die Grundlage dafür aber liegt im Vertrauen, das zwischen ihnen herrscht. Zumindest sieht es so aus.
„Wir können sie ja nicht fragen“, sagt Roman Wittig.
Was er und seine Kollegen aber können, ist: untersuchen, was in den Körpern der Schimpansen vorgeht, wenn sie anscheinend vertrauen. Dazu sammeln sie von jedem Tier morgens und abends Urinproben ein, die vor Ort eingefroren und ins Institut nach Leipzig verschickt werden, wo inzwischen fünfzigtausend Proben lagern. Für jede ist genau dokumentiert, in welchen Situationen das Tier an jenem Tag war, damit die Wissenschaftler den Zusammenhang kennen, wenn sie die Proben auf ein bestimmtes Hormon untersuchen, das alle Säugetiere bilden können, auch der Mensch.
Das Hormon heißt Oxytocin. Der Name, er bedeutet „schnelle Geburt“, beschreibt von all den Funktionen, die es im Körper hat, aber nur die, die als erste entdeckt wurde. Oxytocin leitet die Wehen ein und hilft, den Milcheinschuss in Gang zu bringen, weshalb es in der Humanmedizin bei Frauen seit Langem in der Geburtshilfe eingesetzt wird. Vor wenigen Jahren fanden Hirnforscher dann heraus, dass Oxytocin auch als Botenstoff im Gehirn wirkt und dort das Fühlen und Handeln beeinflusst. Als sich diese Beobachtung, die zuerst bei Wühlmäusen gemacht wurde, auf den Menschen übertragen ließ, war das eine wissenschaftliche Sensation. Inzwischen ist belegt, dass Oxytocin Angst vermindert, Stress reduziert und zu größerer Offenheit führt. Es ist ein Bindungshormon, es bindet uns an andere. Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, produziert ihr Gehirn Oxytocin. Genauso wird im Gehirn des Kindes Oxytocin produziert, wenn es gestillt wird. Das hat nichts mit irgendeinem Stoff zu tun, der durch die Muttermilch übergeben wird. Es funktioniert es auch, wenn der Vater oder eine andere Bezugsperson das Kind hält oder liebkost. Es ist die Situation, auf die beide Körper reagieren. Geben und Nehmen und das Gefühl von Sicherheit – das ist der Ursprung von Vertrauen, so wird es verinnerlicht. Es ist das Erste, was wir lernen, nachdem wir geboren wurden.
„Wenn die Schimpansen Nahrung miteinander teilen, messen wir etwa fünfmal so hohe Oxytocinwerte, als wenn sie nicht teilen“, sagt Roman Wittig, „und zwar sowohl bei denen, die Nahrung bekommen, als auch bei denen, die welche abgegeben.“
Und wenn einer nicht teilen will?
„Es kommt natürlich auch bei Schimpansen vor, dass Vertrauen enttäuscht wird, und anders als wir Menschen müssen sie dabei nicht die Contenance wahren.“
Manchmal beispielsweise bekommt ein Mitglied der Gruppe nach der Jagd anders als erwartet nichts von der Beute ab. Dann beobachten die Forscher, wie es sich wütend auf den Boden wirft, scheinbar fassungslos darüber, wie das zustandekommen konnte. In was für einen Abgrund einer fällt, wenn er erkennt, dass es das Vertrauen, den Boden, auf dem er sich gerade noch so sicher bewegte, gar nicht gibt, vermittelt sich ganz gut, wenn Roman Wittig das erzählt. Aber dann kommen meist sehr schnell die anderen Schimpansen und umringen dieses Mitglied, um es ganz besonders ausgiebig zu „groomen“, was unter Schimpansenforschern so viel wie innige Fellpflege bedeutet, sprich: Kuscheln.
„Der Vertrauensbruch muss geheilt werden“, sagt Roman Wittig. „Sie sind aufeinander angewiesen.“
Natürlich sind wir keine Schimpansen. Wir schlafen nicht mehr auf Bäumen. Unsere Welt umfasst mehr als ein Stück Dschungel, und die Gruppe der Menschen, auf die wir täglich angewiesen sind, ist so groß, dass wir uns nicht mehr alle kuscheln können, nur damit wir einander vertrauen. Wir kaufen Lebensmittel, die von Menschen hergestellt werden, die wir nicht kennen, an Orten und unter Bedingungen, für die dasselbe gilt. Wir steigen in Verkehrsmittel, die wir nicht selbst steuern, in denen wir aber sterben können, sobald derjenige, der es tut, einen Fehler macht. Wir leben in politischen Systemen, in denen wir nicht jede Meinung teilen müssen, nach denen wir uns aber richten sollen, sobald sie von der Mehrheit für gut befunden werden. Wir setzen Technologien ein, die wir, selbst wenn sie aus dem Ruder laufen, nicht mehr abschalten können, ohne noch größere Schäden anzurichten. Unsere Fähigkeit zu Arbeitsteilung und Koordination hat den Planeten in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit verändert, dass wir die Folgen längst nicht mehr überblicken. Wir haben unsere Welt größer und schneller gemacht, aber auch komplizierter und verletzlicher, dennoch beschleunigen wir sie immer weiter. Damit dehnt sich der Raum, den unser Vertrauen abdecken muss, immer weiter aus. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, das war gestern. Heute heißt es: Kontrolle ist gut, Vertrauen geht schneller.
Vertrauen sei „ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“, schrieb der deutsche Soziologe Niklas Luhmann bereits Ende der Sechzigerjahre, als die soziale Komplexität noch weit weniger komplex war, als sie es heute ist. „Ohne jegliches Vertrauen könnte der Mensch morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn.“
Aber ist das denn so?
Wenn wir schlafen gehen, nehmen wir selbstverständlich an, dass uns über Nacht nicht die Decke auf den Kopf fällt. Wir gehen davon aus, dass der Mensch, mit dem wir das Bett teilen, auch am nächsten Morgen noch neben uns liegt, zumindest wenn wir ihn nicht erst am Abend erst kennengelernt haben. Wir vertrauen dem Kindergarten, dass unsere Kinder darin sicher sind, den Autofahrern, dass sie bei Rot halten und unserem Chef, dass er nicht plötzlich einen Kollegen an diesen Arbeitsplatz setzt, der statt uns jetzt weitermacht. Wir sind im Grunde auch der Meinung, dass sich der Klimawandel schon irgendwie in den Griff bekommen lässt, während wir gleichzeitig kaum etwas unternehmen, um ihn aufzuhalten. Wir haben unsere Erfahrungen damit, worauf wir bauen können, und wir würden verrückt werden, wenn alles immer kipplig ist.
Aber ist das tatsächlich alles Vertrauen? Ist manches nicht nur ein sich Verlassen? Oder Gewohnheit? Oder Zukunftsergebenheit?
Und falls es einen Unterschied gibt – ist er wichtig?
Martin Hartmann ist Philosoph und lehrt an der Universität Luzern in der Schweiz, die wie wohl alle Universitäten in Europa wegen Corona zurzeit geschlossen ist. Deshalb betreut er seine Studenten jetzt auch per Videokonferenz von Deutschland aus, wo er wohnt. Die Sorgen, die einige von ihnen sich gerade um ihr Studium machen, kann er natürlich verstehen, dennoch stehen sie manchmal in merkwürdigem Widerspruch zu den schönen Umgebungen, von denen aus sich seine Studenten zuschalten. Es ist gar nicht so, dass die Schweiz viel schlechter mit dem Virus fertig wird als andere Länder in Europa. Es ist eher so, dass sie wegen ihres Wohlstandes und ihrer legendären Organisiertheit angenommen hatte, viel besser damit zurechtzukommen.
„Dass diese Stützen wegbrechen könnten“, sagt Martin Hartmann, „damit haben viele Leute hier nicht gerechnet.“
Seine Doktorarbeit hat er vor zwanzig Jahren über „Die Kreativität der Gewohnheit“ geschrieben, über die Gewohnheit ist er dann zum Vertrauen gekommen. Sein neuestes Buch, „Vertrauen – die unsichtbare Macht“, erschien erst vor wenigen Wochen und versucht, dem Begriff des Vertrauens wieder Schärfe zu geben, nachdem er, für alles und jedes verwendet, immer verschwommener geworden ist. Aber wenn wir gar nicht wissen, wovon wir reden, wenn wir vom Vertrauen reden, haben wir womöglich auch eine falsche Vorstellung davon, was wir von ihm erwarten dürfen und was nicht.
„Was wollen wir vom Vertrauen“, sagt Martin Hartmann, „das ist doch die Frage.“
Er erzählt eine Geschichte aus einem Kinderbuch, die ganz gut illustriert, was er meint. Das Buch heißt „Vertrau mir, Mama!“, darin will Ollie, ein kleiner Junge, er ist sechs oder sieben Jahre alt, zum ersten Mal allein einkaufen gehen. Bevor seine Mutter ihm das aber erlaubt, gibt sie ihm ganz genaue Anweisungen. Geh auf direktem Weg zum Laden. Bleib nicht stehen. Kürz nicht über den Garten des Nachbarn ab. Sprich mit niemandem. Sieh nach rechts und links, wenn Du über die Straße überquerst. Nimm die Hände aus den Hosentaschen.
„Vertrau mir, Mama!“, sagt der Junge. „Ich bin doch schon groß“.
Doch kaum ist er losgegangen, springt ihm ein großes, schreckliches Monster in den Weg. Dass das passieren könnte, hatte seine Mutter ihm gar nicht gesagt. Zum Glück kann der Junge das Monster durch lautes Fauchen vertreiben, aber dann begegnet er einem Geist und einer Hexe. Auch darauf hatte seine Mutter ihn nicht vorbereitet. Als er endlich im Laden ankommt, kauft er die Sachen, die er kaufen soll und dazu noch ein paar, die er ausdrücklich nicht kaufen soll. Auf dem Rückweg, den er verbotenerweise über den Garten des Nachbarn abkürzt, trifft er dann noch auf einen Bären und zwei Außerirdische, aber auch mit denen kommt er zurecht. Zuhause fragt ihn die Mutter, ob er sich an ihre Anweisungen gehalten hat.
„Ich habe die Hände nicht in die Hosentaschen gesteckt“, antwortet der Junge.
„Ich wusste, dass ich mich auf Dich verlassen kann“, sagt die Mutter.
Das ist das Schöne an der Geschichte: Der Junge hat sich an so gut wie keine Anweisung seiner Mutter gehalten. Einige hat er bewusst ignoriert, einige waren nutzlos für die Gefahren, auf die er traf und von denen seine Mutter auch nichts ahnen konnte. Dafür stehen die Monster in der Geschichte, für all die Gefahren im Leben, die im Unbekannten lauern und auf die man sich nicht vorbereitet kann. Vertrauen zu rechtfertigen, bedeutet eben mehr, als sich bloß an die Anweisungen zu halten. Es bedeutet, dem Ungewissen entgegenzugehen und sich ihm gewachsen zu zeigen. In diesem Sinne hat der Junge das Vertrauen, das seine Mutter in ihn gesetzt hat, voll und ganz gerechtfertigt, und wenn er am Ende sehr stolz und mit einem Lolli im Mund auf dem Gartenstuhl sitzt, dann ahnt man, dass auch er das vorher nicht wissen konnte. Das Vertrauen, das ihm erwiesen wurde, hat etwas erschaffen, das sich ohne Vertrauen nicht entwickelt hätte.
„Manchmal entsteht der Grund der Vertrauen rechtfertigt, eben erst dadurch, dass man vertraut“, sagt Martin Hartmann. „Er erfüllt sich sozusagen im Nachhinein selbst.“
Er ist in Hamburg-Harburg aufgewachsen. Sein Vater ist an Krebs gestorben, da war Martin Hartmann sieben Jahre alt. Danach musste seine Mutter die drei Kinder, von denen er das jüngste war, allein erziehen und ernähren. Sie arbeitet als Sportjournalistin und war beruflich viel unterwegs, manchmal Tage, manchmal länger. Die Kinder mussten sehr früh selbständig werden und lernen sich um sich selbst kümmern können. Einmal ist Martin Hartmann, da war er neun, allein und ohne etwas zu sagen mit der Bahn in die Stadt gefahren, zum Ochsenzoll, wo der HSV trainierte, dessen Fan er bis heute ist. Eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. Damals war er stolz. Aber wenn er sich heute als Erwachsener, der weiß, was alles passieren kann, daran erinnert, hat er eher ein zweischneidiges Gefühl.
Als seine eigenen Kinder das erste Mal allein einkaufen gehen wollten, sind seine Frau und er ihnen heimlich nachgegangen, bis die Kinder sie schließlich entdeckten.
„Da waren sie natürlich sauer“, sagt er. „Wir hatten ihnen nicht vertraut.“
Als Thema hat Vertrauen in den vergangenen Jahren in vielen Wissenschaftszweigen Karriere gemacht. In der Politikwissenschaft gilt es als Klebstoff, der unsere auseinander strebenden Gesellschaften zusammenhält. Die Wirtschaftswissenschaften sehen in ihm eher ein Art Vorschuss für ein Geschäft oder als Feenstaub zur Erhöhung von Effizienz, weil man sich mit jemandem, der vertraut, nicht immer erst umständlich absichern und abstimmen muss. Die Zukunftsforschung fragt sich, ob und wie der Mensch künstlicher Intelligenz vertrauen kann.Die Psychologie dagegen führt Persönlichkeitsstörungen oft auf einen Mangel an Vertrauen zurück. Die Küchenpsychologie schließlich interessiert am Vertrauen nur das Selbstvertrauen und wie es sich optimieren lässt. Fast immer geht es darum, was Vertrauen ausrichten soll, weniger darum, weshalb es fehlen könnte.
„Jeder will Vertrauen“, schreibt Martin Hartmann in seinem Buch, „aber keiner will vertrauen.“
Natürlich haben wir unser Leben, unseren Alltag, unsere Zivilisation nicht auf etwas so Unzuverlässiges wie Vertrauen gebaut. Wir haben es auf Sicherheit gebaut. Fließendes Wasser aus der Leitung, Fußbodenheizung, Essen aus dem Kühlschrank, Handyempfang im Tunnel, Parkplätze vor dem Haus, Computertomographie und natürlich kostenlose Rücksendung im Onlineshopping. Schulabschlüsse, die zu Studienabschlüssen und dann zu Karrieren führen werden. Rentenansprüche, die sich Jahre voraus auf den Euro genau berechnen lassen. Ständiges Wirtschaftswachstum und die als sicher geltende Annahme, dass es jede Generation immer besser haben wird als die davor. Unser Vertrauen ist oft nur noch das Vertrauen darauf, dass die Dinge, andere Menschen, das Leben sich genau so verhalten, wie wir uns das wünschen und gebrauchen können. Sogar von uns selbst erwarten wir das. Andernfalls haben wir kein Vertrauen, auch nicht in uns selbst.
„Die Begrenzung des Vertrauens auf die bloße Zuverlässigkeit aber bedeutet nichts weniger als eine Entleerung des Vertrauens“, schrieb der Philosoph Wolfhart Henckmann anlässlich der Finanzkrise vor einigen Jahren. „Echtes Vertrauen“, so er, „setzt auf die Freiheit des anderen, nicht auf sein zuverlässiges Funktionieren.“
Heute sind nicht nur die Ökonomien in straffe Lieferketten eingespannt, bei denen es an keiner Stelle klemmen darf, auch in unserem Alltag, unseren Beziehungen, unsere Biographien muss immer eins ins andere greifen. Wir möchten sicher sein können und nicht überrascht werden. Deshalb werden aus uns Helicopter-Eltern, fahren wir SUV, schließen Eheverträge. Das Ungewisse ist nur noch der Raum, aus dem die Störung, die Gefahr, der alles entscheidende Fehler kommen können und das darum unbedingt in Schach gehalten werden muss. Dabei wissen wir doch, dass das nicht möglich ist. Dazu muss nicht erst in China auf einem Markt für exotische Tiere ein Virus ausbrechen, das in drei Monaten die Welt lahmlegt. Eine Gesellschaft, die meint, alles im Griff zu haben und an keinen Gott mehr glaubt, weil sie denkt, dass sie ihr Schicksal immer in den eigenen Händen hält, ist dann genau damit überfordert. Sie wird aggressiv, depressiv und anfällig für jeden Hinweis auf Unsicherheit. Das müssen keine Fake News oder Verschwörungstheorien sein, es genügen schon die Schlagzeilen der Bild-Zeitung.
Wenn es uns tatsächlich um Vertrauen ginge, dann müssten wir vertrauen, auch wenn wir keine Gewähr dafür haben, wie die Sache ausgeht. Es würde bedeuten, dass wir uns verletzbar machen, ohne uns zu schützen, nicht weil wir nicht anders können, sondern weil wir nicht anders wollen. Es würde bedeuten, dass wir nicht alles kontrollieren und beherrschen wollen, selbst wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Es würde bedeuten, den anderen, der Welt, dem Leben die Freiheit einzuräumen, uns so zu begegnen, wie sie es wollen, in der Erwartung, dass sie es gut meinen, aber ohne den Versuch, das sicherzustellen. Doch dazu müssten wir uns entscheiden und entscheiden heißt, nicht zu wissen, bevor man handelt. Es heißt zu handeln, bevor man weiß.
Können wir das überhaupt noch?
Andrea Sturm ist seit mehr als vierzig Jahren Hebamme und hat in dem Beruf schon alles erlebt. Schwangere im Krankenhaus betreut, Hausgeburten begleitet, eine Klinik geleitet, in Schweden und England gearbeitet. Wegen des Virus’ gibt sie nun seit kurzem Rückbildungskurse per Videokonferenz von ihrer Hamburger Wohnung aus. Kolleginnen, die Mütter nach Entbindung besuchen, haben ihr erzählt, dass sie, als es noch nicht genug Masken gab, mit den Babys zuerst nur gesummt und nicht gesprochen haben, aus Angst, sie anzustecken. Und dass Väter stundenlang in der Tiefgarage des Krankenhauses warten mussten, weil sie erst im letzten Moment in den Kreissaal gelassen wurden.
„In welche Zeit gebäre ich mein Kind hinein?“, sagt Andrea Sturm, „Das fragen sich jetzt natürlich viele Frauen.“
Sie hat 1977 angefangen, als Hebamme zu arbeiten und dass das genau das Jahr war, in dem die Zeitschrift „Emma“ herauskam, erzählt sie sozusagen im selben Satz. Hätte sie sich nicht schon vorher für den Feminismus interessiert, hätte sie es spätestens, als sie ihre erste Stelle antrat. Sie war nicht Hebamme geworden, weil es ihr um Babys ging, es ging ihr um die Frauen. Aber Frauen wurden damals noch so behandelt, als sollten sie für die Geburt nur ihren Körper zur Verfügung stellen. Sie kamen ins Krankenhaus, Montag bis Freitag wurde geboren, am Wochenende war frei, ansonsten wurden die Wehen eingeleitet. Die Frauen kamen in den Kreissaal, wurden hingelegt und dann wurden sie entbunden.
„Sie haben nicht entbunden, sie wurden entbunden“, sagt Andrea Sturm.
Und dann: „Im Grunde ist das heute wieder so.“
Als Andrea Sturm anfing, wollte sie den Frauen dabei helfen, die Geburt selbst zu bestimmen, das Tempo, den Ort, die Lage, in der sie gebären. Dass sie sagen, wenn sie fühlen, dass sie eine Pause brauchen, weil ihr Körper sich dann erholen will, anstatt dass man sie an den Wehentropf hängt. Sie wollte ihnen helfen, dass sie die Verantwortung in die eigenen Hände nehmen, weil sie von Natur aus am besten wissen, was ihnen gut tut. Das will Andrea Sturm immer noch. Alles was sie damals wie heute dafür anzubieten hat, ist das Vertrauen darauf, dass es gut ausgeht, während der Fortschritt in der gleichen Zeit dagegen scheinbar immer neue Sicherheiten produziert hat.
Eine Geburt von vor vierzig Jahren lässt sich kaum mit einer von heute vergleichen, eine Schwangerschaft noch weniger. Das Netz der Überwachung ist enger, es gibt deutlich mehr Vorsorgeuntersuchungen. Die Technik ist besser, man kann viel mehr wissen. Der erste Ultraschall, an den Andrea Sturm sich erinnert, zeigte vor allem Schnee und ganz klein die Köpfe der Babys. Heute sind die Bilder so genau, dass an ihnen millimetergenau Messungen gemacht werden, die einen Hinweis darauf geben, ob das Kind womöglich behindert ist, ohne es allerdings schon beweisen zu können. Dazu sind dann weitere Untersuchungen nötig, die, aus Sorge etwas versäumt oder übersehen zu haben, die betroffenen Eltern natürlich auch noch machen, ohne freilich am Ende absolute Sicherheit zu bekommen, nur relative Wahrscheinlichkeiten. So wird eine Schwangerschaft bald zum Abarbeiten von Rückversicherungen.
„Es gibt immer ein Risiko, dass etwas ist, das man nicht merkt“, sagt Andrea Sturm. „Aber wir gehen gar nicht mehr davon aus, dass alles in Ordnung sein könnte.“
Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, ist eine der weitreichendsten im Leben. Wie kaum etwas sonst bringt sie uns in Kontakt mit dem Ungewissen. Vielleicht wissen wir nicht, ob wir den richtigen Partner haben, wie wir Kind und Karriere vereinbaren sollen und ob wir so gute Väter und Mütter sein werden, wie wir das von uns erwarten. Für all das gibt es keine Sicherheit, bis wir es versuchen. Womöglich schieben deshalb so viele Menschen diese Entscheidung so lange auf. Aber dann gelten die Frauen auf einmal als spätgebärend und die Geburt als gefährlicher Akt, den nur die Medizin beherrscht. Da scheint es für viele Frauen das Sicherste zu sein scheint, sich in die Hand der Ärzte zu begeben, die ihnen sagen können, was mit ihnen und dem Ungeborenen ist. Das macht es für Andrea Sturm schwer, die Frauen an das zu erinnern, was unter all dem Wissen um die Möglichkeiten und Gefahren, den Ansprüchen und Ängsten, so leicht verschüttet geht – das Gefühl für den eigenen Körper und das ungeborene Kind.
„Den Großteil meiner Zeit verbringe ich damit, die Frauen darin zu bestärken, dass sie das alles hinkriegen werden“, sagt sie.
Wir wissen heute viel mehr über die Welt als jemals zuvor, aber dadurch erscheint sie uns nicht als ein sicherer Ort. Trotzdem können wir nicht mehr dahinter zurück. Wir können uns nicht wieder unwissend machen und wir wollen es auch nicht. Wir haben den Ultraschall und wir setzen ihn ein. Die Aufgabe ist es, trotz des Wissens ins Vertrauen zurückzufinden.
Wie soll das gehen?
„Es ist erstaunlich simpel“, sagt Andrea Sturm.
Wenn die Frauen vor der Geburtsvorbereitung bei irgendetwas unsicher sind und fragen, weil sie etwas gelesen haben, der Arzt etwas gesagt hat oder die beste Freundin, dann fragt sie zurück: „Was ist denn Dein Gefühl? Was würdest Du tun?“
Dann gehe sie kurz in sich und bei fast allem, was sie danach antworten, sagt Andrea Sturm: „Ja, das ist richtig.“
Dann sind die Frauen oft ganz erstaunt, dass es so einfach sein soll, dass die Antwort auf viele bangen Fragen in ihnen selbst zu finden ist, dass sie die Kraft besitzen, die Situation zu meistern, auch wenn sie ungewiss ist. Andrea Sturm erinnert sie damit nur an etwas, das sie eigentlich wissen. Es ist dieselbe Erkenntnis für die Menschen in die Natur gehen, meditieren, Yoga machen oder versuchen, achtsamer zu leben, weil sie in sich nach einer Stille suchen, in der sie ihre eigene Stimme überhaupt erst wieder hören können.
Natürlich müssen wir nicht vertrauen. Es gibt eine Menge Wege, sich den Alltag, die Welt und das Leben so einzurichten, es nicht zu tun. Wir müssen nicht vertrauen, wir können es aber auch nicht nicht tun. Es ist eine uns innewohnende Kraft, die nur darauf wartet, sich zu verausgaben und sich genau darüber immer wieder erneuert, viel robuster, als wir oft meinen. Sie hilft uns nicht nur, mit dem Ungewissen zurechtzukommen, sie zieht uns immer wieder zu ihm hin, weil wir letztlich nur dort lernen können, uns entwickeln, wandeln und erfahren können, im eigentlichen Sinne lebendig sind. Das Ungewisse ist das Leben selbst und es zu leben, bedeutet, diese Ungewissheit anzunehmen. Zu vertrauen heißt, zu leben, von Anfang an.